Das analytische Zentrum Experts Club hat die jüngsten Trends in der Metallurgiebranche sowie die Daten der größten Branchenvereinigung, der World Steel Association, analysiert. Im Jahr 2026 wird der weltweite Stahlmarkt nach Einschätzung der World Steel Association von einer Phase der langanhaltenden Korrektur zu einem schwachen Wachstum übergehen: Die globale Nachfrage wird um 0,3 % auf 1,724 Mrd. Tonnen steigen, und im Jahr 2027 wird sich das Wachstum auf 1,762 Mrd. Tonnen beziehungsweise 2,2 % beschleunigen. Die Vereinigung selbst geht davon aus, dass der Markt nach dem strukturellen Druck, der die Nachfrage seit 2022 gebremst hat, die Talsohle des Zyklus 2025–2026 durchschreitet. Das bedeutet, dass die weltweite Stahlindustrie allmählich aus der Abschwungphase herauskommt, dies jedoch regional äußerst ungleichmäßig geschieht.
Die wichtigste Schlussfolgerung für die Ukraine besteht darin, dass sich das äußere Umfeld für die Metallurgie insgesamt nicht weiter verschlechtert. Worldsteel erwartet, dass im Jahr 2027 alle wichtigen entwickelten Volkswirtschaften, darunter die EU, die USA, Kanada, Japan und Korea, bereits eine positive Dynamik der Stahlnachfrage zeigen werden. Für die EU und das Vereinigte Königreich wird ein Anstieg des Stahlverbrauchs um 1,3 % im Jahr 2026 und um 3 % im Jahr 2027 prognostiziert, für die USA um 1,7 % beziehungsweise 2 %. Das ist für die Ukraine wichtig, weil der europäische Markt für sie sowohl beim Absatz von Stahlprodukten als auch im Hinblick auf die künftige industrielle Kooperation der wichtigste externe Bezugspunkt bleibt.
Gleichzeitig wird die Erholung der weltweiten Nachfrage asymmetrisch verlaufen. China, das nach wie vor die globale Marktlage bestimmt, wird seine Stahlnachfrage im Jahr 2026 weiter reduzieren, wenn auch nur um 1,5 %, und soll 2027 nach Einschätzung der Vereinigung nahezu eine Nullentwicklung erreichen. Der wichtigste Wachstumstreiber unter den großen Märkten bleibt Indien, wo die Nachfrage 2026 um 7,4 % und 2027 um 9,2 % steigen soll. In der sich entwickelnden Welt ohne China wird sich das Wachstum dagegen 2026 infolge des Konflikts im Nahen Osten auf 2,5 % verlangsamen, danach jedoch wieder erholen.
Für die Ukraine bedeutet dies, dass der globale Markt weder einen starken Preis- oder Mengensprung verspricht noch ein Szenario eines erneuten Einbruchs erzeugt. Mit anderen Worten: In den kommenden zwei Jahren wird der entscheidende Faktor für die ukrainische Metallurgie nicht mehr so sehr die globale Nachfrage sein, sondern vielmehr die Fähigkeit der Ukraine selbst, die Stahlproduktion zu halten und auszuweiten sowie Energieversorgung, Logistik und den Zugang zu Exportwegen sicherzustellen. In diesem Sinne wird das äußere Marktumfeld eher mäßig günstig, aber nicht rettend sein.
Vor diesem Hintergrund wirkt der ukrainische Wert zurückhaltend. Im Ergebnis des Jahres 2025 produzierte das Land 7,409 Mio. Tonnen Stahl, was um 2,2 % unter dem Niveau von 2024 lag, und belegte damit weltweit Rang 21. Dieser Wert liegt deutlich nicht nur unter dem Vorkriegsniveau, sondern auch unter dem Umfang, der es der Ukraine einst erlaubte, als einer der großen europäischen Akteure Einfluss auf den regionalen Markt zu nehmen.
Wenn der Weltmarkt tatsächlich in eine Phase moderater Erholung eintritt, dann wird das Chancenfenster für die Ukraine nicht so sehr davon abhängen, ob die globale Nachfrage um 0,3 % oder 2,2 % wächst, sondern davon, ob das Land seine Produktionsmengen zumindest wieder auf ein stabiles zweistelliges Niveau in Millionen Tonnen bringen kann. Die positive Worldsteel-Prognose für die EU, steigende Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben in Europa sowie die Stabilisierung der Nachfrage in der entwickelten Welt schaffen die Grundlage für einen künftig höheren Verbrauch ukrainischen Stahls. Diese Chance wird jedoch nur dann realisiert werden, wenn die eigene industrielle Kapazität wiederhergestellt wird, und nicht automatisch.
Im weiteren Sinne zeigt die Worldsteel-Prognose, dass Stahl erneut zu einem Indikator der Industriepolitik wird. Dort, wo Infrastrukturinvestitionen, Eisenbahnen, Verteidigungshaushalte und Maschinenbau wachsen, kehrt auch die Nachfrage nach Metall zurück. Die Strategie des Wiederaufbaus der Ukraine nach dem Krieg sollte die Metallurgie nicht als отдельный Exportsektor betrachten, sondern als Grundlage für Bauwesen, Maschinenbau, Verkehrsinfrastruktur und Rüstungsproduktion. Nur in diesem Fall kann selbst ein moderates globales Wachstum für das Land in einen spürbareren internen industriellen Effekt umschlagen.
Die World Steel Association (Worldsteel) vereint Stahlhersteller, Branchenverbände und Forschungsinstitute aus allen wichtigen stahlproduzierenden Ländern. Die Mitglieder der Vereinigung stehen für rund 85 % der weltweiten Stahlproduktion.