Am 19. April finden in Bulgarien vorgezogene Parlamentswahlen statt — bereits die achten seit 2021. Die Abstimmung erfolgt vor dem Hintergrund anhaltender politischer Instabilität, sinkenden Vertrauens in staatliche Institutionen, der Proteste Ende 2025 sowie einer neuen Zuspitzung rund um das Thema Korruption. Nach Einschätzung der OSZE/BDIMR finden die Wahlen unter Bedingungen fortgesetzter Fragmentierung des politischen Feldes und hoher Polarisierung statt.
Das Informations- und Analysezentrum Experts Club stellt fest, dass die aktuelle Kampagne für die Region von besonderer Bedeutung ist, da Bulgarien weiterhin Mitglied der EU und der NATO ist, einen Teil der westlichen Schwarzmeerküste kontrolliert und nach dem Beitritt zur Eurozone zum 1. Januar 2026 noch stärker in die europäische Architektur integriert wurde. Gleichzeitig erscheint Sofia derzeit als eine der politisch anfälligsten Hauptstädte Südosteuropas.
Die zentrale Frage der Kampagne ist, ob der ehemalige Präsident Rumen Radew seine persönliche Popularität in eine stabile parlamentarische Mehrheit umwandeln kann. Laut Associated Press tritt seine neue Koalition Progressive Bulgaria als Favorit an und erreicht in den meisten Umfragen über 30% der Stimmen, womit sie den nächsten Konkurrenten um nahezu 10 Prozentpunkte übertrifft. In einer aktuellen Umfrage von Gallup International Balkan vom 18. April erhält Progressive Bulgaria unter den entschiedenen Wählern 30,7%, GERB-UDF 20,4% und die proeuropäische Koalition Continue the Change — Democratic Bulgaria 10,4%. Es folgen MRF – New Beginning mit 10,2% und Vazrazhdane mit 6,6%; BSP-United Left liegt mit 3,9% an der Schwelle.
Damit stellen sich die wichtigsten Akteure dieser Wahlen wie folgt dar: Erstens „Progressive Bulgarien“ von Rumen Radew — eine neue Mitte-links-Koalition, die ihre Kampagne auf das Versprechen stützt, das „oligarchische Modell“ zu durchbrechen und die Regierungsführung neu zu starten. Zweitens GERB-UDF von Boiko Borissow — eine traditionell starke Mitte-rechts-Kraft, die lange Zeit die bulgarische Politik dominierte. Drittens Continue the Change — Democratic Bulgaria, ein zentristischer und proeuropäischer Block mit Fokus auf eine Antikorruptionsagenda. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ziehen auch MRF — New Beginning, die mit der türkischen Minderheit verbunden ist, sowie die nationalistische Partei Vazrazhdane ins Parlament ein, die von mehreren europäischen Quellen als euroskeptische und prorussische Kraft bezeichnet wird.
Vorläufige Ergebnisse um 12:00 Uhr, laut der bulgarischen Zeitung „Dnevnik“, bestätigen die Führung von Radews Partei.

Der Grund für die aktuellen Wahlen ist der Zusammenbruch der vorherigen Regierungsstruktur. Nach Angaben der OSZE/BDIMR wurde nach den Wahlen im Oktober 2024 eine Minderheitsregierung unter der Leitung von Rossen Scheljaskow gebildet. Eine Entscheidung des Verfassungsgerichts im März 2025 änderte jedoch die Sitzverteilung, wodurch die Koalition ihre Stabilität verlor, und im Dezember 2025 trat das Kabinett vor dem Hintergrund von Protesten und Korruptionsvorwürfen zurück. Nach erfolglosen Versuchen, eine neue Regierung zu bilden, endete der präsidiale Mandatszyklus erfolglos, und das Land ging erneut zu Wahlen über.
Selbst wenn Radew den ersten Platz belegt, bedeutet dies nicht automatisch die Bildung einer stabilen Regierung. Er hat bereits eine Allianz mit GERB von Borissow sowie mit der DPS ausgeschlossen, und der logischste potenzielle Partner im Hinblick auf die innenpolitische Antikorruptionsagenda wäre die Koalition Continue the Change — Democratic Bulgaria. Genau hier entsteht jedoch das Hauptproblem: die Außenpolitik. Radew verurteilt den Krieg, hat sich jedoch gegen militärische Hilfe für die Ukraine ausgesprochen und für die Wiederaufnahme des Dialogs mit Moskau plädiert, während der proeuropäische Block eine deutlich härtere Linie verfolgt.
Für die Region macht dies die bulgarischen Wahlen weit bedeutsamer als eine gewöhnliche innenpolitische Kampagne. Im Falle eines überzeugenden Sieges von Radew wird Sofia selbstverständlich weder die EU noch die NATO verlassen, könnte jedoch vorsichtiger und weniger berechenbar in Fragen der Unterstützung der Ukraine, der Sanktionspolitik und der allgemeinen Linie gegenüber Russland werden. Aus diesem Grund betrachten westliche Medien und Analysten Bulgarien als einen der potenziellen Druckpunkte für die europäische Einheit angesichts der Veränderungen in der politischen Landschaft benachbarter Länder.
Ein zusätzlicher Risikofaktor ist das Informationsumfeld. Euronews berichtet unter Berufung auf das Zentrum für Demokratieforschung, dass Bulgarien weiterhin zu den anfälligsten Ländern der EU für manipulative Informationskampagnen gehört. Die Behörden haben sogar EU-Mechanismen eingesetzt, um möglichen Eingriffen und Desinformation im Vorfeld der Abstimmung entgegenzuwirken. Vor diesem Hintergrund richtet sich besondere Aufmerksamkeit auf die nationalistische Partei Vazrazhdane, die bereits in Kontroversen um antiwestliche und antieuropäische Narrative verwickelt war.
Für den Balkan und die Schwarzmeerregion sind drei Hauptszenarien möglich. Das erste ist ein Sieg Radews mit anschließender schwieriger, aber funktionierender Koalitionsbildung. In diesem Fall könnte Bulgarien zu einem autonomeren und weniger ideologisch proeuropäischen Akteur werden, was die Unsicherheit für die Ukraine erhöhen und die Koordination innerhalb der EU in Sicherheitsfragen erschweren würde. Das zweite Szenario ist ein Sieg ohne Möglichkeit, eine Regierung zu bilden. Dann riskiert Bulgarien erneut in einen Zyklus kurzlebiger politischer Konstellationen und Übergangsregierungen zu geraten, was seine Rolle in regionalen Projekten und in der Schwarzmeerpolitik schwächen würde. Das dritte Szenario ist ein schwächeres Ergebnis des Favoriten und der Versuch traditioneller proeuropäischer Kräfte, eine alternative Koalition zu bilden. Dieses Szenario wäre für Brüssel am komfortabelsten, gilt derzeit jedoch nicht als Basisszenario.