Europäische Flughäfen und Fluggesellschaften haben die Europäische Kommission aufgefordert, dringend in die Einführung des neuen Ein- und Ausreisesystems EES einzugreifen. In einem offenen Brief erklärten ACI EUROPE, Airlines for Europe und die IATA, dass die Einführung des Systems einen „kritischen Punkt“ erreicht habe und bereits zu erheblichen Störungen im Flughafenbetrieb führe.
Das EES ist ein neues digitales System zur Kontrolle der Außengrenzen des Schengen-Raums für Bürger aus Ländern außerhalb der EU. Es ersetzt die Stempel in den Reisepässen und erfasst die Einreise, Ausreise oder die Verweigerung der Einreise. Beim Grenzübertritt erfasst das System Passdaten, ein Gesichtsfoto, Fingerabdrücke sowie Datum und Ort des Grenzübertritts. Das System wurde am 10. April 2026 nach einer schrittweisen Einführung, die im Oktober 2025 begann, vollständig in Betrieb genommen.
Das Problem besteht darin, dass die biometrische Erfassung in der Praxis mehr Zeit in Anspruch nimmt als erwartet. Nach Angaben von ACI EUROPE, A4E und IATA betragen die Wartezeiten bei der Grenzkontrolle nach der vollständigen Inbetriebnahme des EES in Spitzenzeiten bereits bis zu fünf Stunden. Dies führt zu Flugverspätungen, verpassten Anschlussflügen, einer zusätzlichen Belastung des Personals und Situationen, in denen Passagiere an der Grenze festsitzen und Flugzeuge nicht voll besetzt abfliegen.
Branchenverbände warnen davor, dass sich die Situation im Juli und August noch verschärfen könnte: Die europäischen Flughäfen rechnen mit rund 40 Millionen Passagieren mehr als in den beiden Vormonaten. Das Risiko betrifft nicht nur die größten Drehkreuze, sondern auch kleine Flughäfen in beliebten Reisezielen, wo die Grenzinfrastruktur physisch nicht in der Lage ist, den Passagierstrom zu bewältigen.
Die Luftfahrtbranche bittet die Europäische Kommission, den Ländern des Schengen-Raums zu gestatten, das EES im Juli und August ganz oder teilweise auszusetzen, falls das Passagieraufkommen die Kapazitäten der Grenzkontrollen übersteigt. Ab September wird vorgeschlagen, einen dauerhaften Flexibilitätsmechanismus einzurichten, um das EES in Ausnahmesituationen vorübergehend außer Kraft zu setzen und zu den Standardkontrollen gemäß dem Schengener Kodex zurückzukehren, einschließlich der Stempel in den Reisepässen.
Flughäfen und Fluggesellschaften fordern keine Abschaffung der Grenzkontrollen. Sie erkennen die Bedeutung des EES für die Sicherheit an, sind jedoch der Ansicht, dass das System ohne Beeinträchtigung der Transportlogistik und der Tourismussaison funktionieren muss. Als ungelöste Probleme nennen sie den Mangel an Grenzbeamten, die Instabilität der IT-Plattform, die mangelnde Einsatzbereitschaft der Selbstbedienungskioske und ABC-Gates sowie die unzureichende Funktionsweise der App für die Vorabregistrierung.
Das EES sollte die EU-Grenzen digitaler und sicherer machen, doch im Sommer 2026 wurde es zu einem zusätzlichen Faktor für Verzögerungen. Wenn die Europäische Kommission den Flughäfen nicht mehr Flexibilität einräumt, könnte die Tourismussaison mit Warteschlangen, verpassten Flügen und einem Reputationsverlust für den europäischen Tourismus konfrontiert sein.