Business news from Ukraine

Business news from Ukraine

Für das Gehirn könnte der „Ozempic-Moment“ kommen – Pharmaunternehmen setzen auf Orexin

16 August , 2026  

In der weltweiten Pharmabranche entsteht ein neuer, potenziell milliardenschwerer Markt für Medikamente, die auf das Orexin-System im Gehirn einwirken. Der erste Vertreter dieser neuen Wirkstoffklasse hat bereits die Zulassung der US-Aufsichtsbehörde zur Behandlung von Narkolepsie erhalten, während Pharmaunternehmen nun damit beginnen, denselben Wirkmechanismus bei anderen Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, kognitiven Störungen und neurologischen Erkrankungen zu untersuchen.

Die Zeitschrift „The Economist“ bezeichnete am 11. August 2026 diese Entwicklung als möglichen „Ozempic-Moment“ für das Gehirn – in Anlehnung an die GLP-1-Präparate, die ursprünglich vor allem zur Behandlung von Diabetes entwickelt wurden, später jedoch den Markt für die Behandlung von Adipositas radikal veränderten und nun auch für eine ganze Reihe anderer Erkrankungen erforscht werden.

Im Falle von Hirnerkrankungen könnte das Orexin-System zu einem solchen universellen Wirkmechanismus werden.

Ein entscheidendes Ereignis fand am 5. August 2026 statt, als die US-amerikanische Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde (FDA) das Medikament Orzeyful (Oveporexton) des Unternehmens Takeda für Erwachsene mit Narkolepsie vom Typ 1 zuließ.

Dies ist das erste zugelassene Medikament, das direkt auf den biologischen Mechanismus dieser Erkrankung einwirkt.

Narkolepsie Typ 1 steht im Zusammenhang mit dem Absterben von Gehirnzellen, die Orexin produzieren – ein Neuropeptid, das Wachheit, Schlaf und Muskeltonus reguliert. Bei einem Orexinmangel fällt es dem Gehirn schwerer, einen stabilen Wachzustand aufrechtzuerhalten und zwischen Schlaf- und Wachzuständen zu unterscheiden.

Die herkömmliche Therapie wirkte hauptsächlich auf einzelne Symptome ein – beispielsweise förderte sie die Wachsamkeit oder verringerte die Kataplexie. Oveporexton wirkt anders: Das Medikament aktiviert den Orexin-Rezeptor OX2R und stellt so das fehlende Signal teilweise wieder her.

Genau das macht diesen neuen Ansatz für die Pharmaindustrie besonders interessant.

Die Entscheidung der FDA stützte sich insbesondere auf zwei randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studien mit einer Dauer von 12 Wochen, an denen 273 erwachsene Patienten mit Narkolepsie Typ 1 teilnahmen.

Bei den Patienten, die Oveporexton erhielten, verbesserte sich die Fähigkeit, tagsüber wach zu bleiben, und sowohl die subjektive Schläfrigkeit als auch die Häufigkeit von Kataplexie-Anfällen nahmen ab. Auch bei anderen Krankheitssymptomen wurden Verbesserungen festgestellt.

Allerdings ist das Medikament nicht frei von Nebenwirkungen. Zu den häufigsten zählt die FDA Schlaflosigkeit, häufigen Harndrang, Harndrang und vermehrten Speichelfluss.

Es handelt sich also vorerst nicht um eine „Pille zur Verbesserung der Gehirnleistung“, sondern um ein Medikament mit einer konkreten medizinischen Indikation und bekannten Risiken.

Das Interesse der Pharmaindustrie reicht jedoch weit über die Narkolepsie vom Typ 1 hinaus.

Ein gutes Beispiel für das Ausmaß der Erwartungen ist die Vereinbarung von Eli Lilly mit dem britischen Unternehmen Centessa Pharmaceuticals.

Am 24. Juni 2026 schloss Lilly die Übernahme von Centessa ab und erwarb damit ein Portfolio an experimentellen OX2R-Rezeptoragonisten.

Bei der Bekanntgabe der Vereinbarung am 31. März bezifferte Lilly den anfänglichen Kaufpreis auf etwa 6,3 Mrd. US-Dollar; je nach Erreichen bestimmter regulatorischer Ziele können weitere bis zu 1,5 Mrd. US-Dollar gezahlt werden. Somit beläuft sich der potenzielle Wert der Transaktion auf rund 7,8 Mrd. US-Dollar.

Das Leitpräparat von Centessa – Cleminorexton, früher bekannt als ORX750 – hat bereits eine Phase-2a-Studie bei Patienten mit Narkolepsie vom Typ I und II sowie idiopathischer Hypersomnie durchlaufen. Lilly weist darauf hin, dass andere Wirkstoffe dieser Plattform potenziell für ein breiteres Spektrum an neurologischen, neurodegenerativen und neuropsychiatrischen Erkrankungen untersucht werden könnten.

Tatsächlich hat eines der größten Pharmaunternehmen der Welt Milliarden Dollar dafür gezahlt, sich eine Position in einer neuen Wirkstoffklasse zu sichern, noch bevor die meisten potenziellen Anwendungsbereiche nachgewiesen wurden.

Takeda und Lilly sind nicht die einzigen Marktteilnehmer.

Alkermes entwickelt seinen eigenen OX2R-Agonisten Alixorexton. Im Jahr 2026 befindet sich dieser bereits in der Phase-3-Studie zur Behandlung von Narkolepsie Typ I und II sowie in der Phase-2-Studie zur Behandlung von idiopathischer Hypersomnie.

Gleichzeitig beginnt das Unternehmen mit der Erforschung weiterer Moleküle dieser Klasse. ALKS 7290 befindet sich in einem frühen Entwicklungsstadium zur Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndroms, während ALKS 4510 als potenzielles Mittel gegen die mit Multipler Sklerose und der Parkinson-Krankheit verbundene Müdigkeit untersucht wird. Bislang befinden sich beide Forschungsrichtungen noch in einem frühen klinischen Stadium.

Gerade die Möglichkeit, die Anwendung eines einzigen biologischen Mechanismus auf zahlreiche Erkrankungen auszuweiten, erklärt den Vergleich mit GLP-1.

Orexin wurde erst vor relativ kurzer Zeit – Ende der 1990er Jahre – entdeckt. Es wird von einer kleinen Gruppe von Neuronen im Hypothalamus produziert, doch ihre Signale breiten sich über zahlreiche Bereiche des Gehirns aus.

Das Orexin-System ist nicht nur an der Aufrechterhaltung der Wachsamkeit beteiligt. Es steht auch im Zusammenhang mit Aufmerksamkeit, Motivation, Energiehaushalt, Stimmung und anderen Funktionen des zentralen Nervensystems.

Das Unternehmen Takeda betrachtet Orexin ausdrücklich als ein System, das mit Schlaf und Wachsamkeit, Aufmerksamkeit, Stimmung, Stoffwechsel und Atmung in Verbindung steht.

Das bedeutet, dass eine pharmakologische Beeinflussung der Orexin-Rezeptoren theoretisch nicht nur dort von Nutzen sein könnte, wo ein direkter Mangel an diesem Neuropeptid besteht.

„Nature Reviews Drug Discovery“ wies nach der Zulassung von Oveporexton zudem darauf hin, dass die Pharmaindustrie bereits breitere Indikationen für Präparate dieser Klasse in Betracht zieht.

Die Geschichte von GLP-1 hat den Pharmaunternehmen gezeigt, wie wertvoll ein Wirkmechanismus sein kann, der nicht nur ein einzelnes Symptom, sondern ein grundlegendes System des Körpers beeinflusst.

Präparate der GLP-1-Familie haben sich von der Diabetesbehandlung zu einem globalen Markt für Adipositas-Therapien entwickelt und werden derzeit bei einer Vielzahl von Begleiterkrankungen untersucht.

Bei Orexin-Präparaten könnte sich ein ähnlicher Verlauf abzeichnen: Eine seltene und gut erforschte Erkrankung dient als erster Anhaltspunkt für die Wirksamkeit eines neuen Wirkmechanismus, woraufhin die Entwickler beginnen, diesen bei weitaus häufiger auftretenden Erkrankungen zu testen.

Genau deshalb ist die Zulassung von Oveporexton durch die FDA nicht nur für Patienten mit Narkolepsie von Bedeutung.

Sie hat erstmals auf der Ebene einer großen Aufsichtsbehörde bestätigt, dass durch die Wiederherstellung eines bestimmten neurochemischen Signals direkt auf den grundlegenden Mechanismus einer Hirnerkrankung eingewirkt werden kann.

Der Vergleich ist interessant, sollte jedoch nicht wörtlich genommen werden.

Eine nachgewiesene Wirksamkeit besteht derzeit vor allem bei Narkolepsie vom Typ 1. Was die Narkolepsie vom Typ 2 und die idiopathische Hypersomnie betrifft, befinden sich andere Medikamente noch in der klinischen Erprobung, und der Einsatz von Orexin-Agonisten bei ADHS, Parkinson, Multipler Sklerose und anderen Erkrankungen ist noch in einem deutlich früheren Stadium.

Es gibt keine Belege dafür, dass diese Medikamente zu universellen kognitiven Stimulanzien werden oder ein breites Spektrum an psychischen und neurodegenerativen Erkrankungen behandeln können.

Daher liegt der Hauptsinn dieser Entwicklungen nicht im Erscheinen eines „Ozempic für das Gehirn“ als einzelnes Wundermittel, sondern in der Entstehung einer neuen pharmakologischen Plattform.

Und sollten weitere Studien bestätigen, dass sich Wachheit, Aufmerksamkeit und andere Gehirnfunktionen über das Orexin-System sicher regulieren lassen, könnte diese Wirkstoffklasse tatsächlich zu einem der wichtigsten neuen Bereiche der weltweiten Neurologie und Psychiatrie werden.

Die Kombination aus der ersten FDA-Zulassung, mehreren konkurrierenden klinischen Programmen und Investitionen in Milliardenhöhe durch die größten Pharmaunternehmen zeigt, dass die Branche bereits ernsthaft auf diesen Wirkmechanismus setzt.

, , , ,